Lisa Stuckey über
RARE SPECIMENS, SCINS

Ernst Miesgang ‚hackt’ den Apparat des mobilen Dokumentenscanners, indem er der eingebauten Elektronik kontinuierliche Scanabläufe vortäuscht. Auf diese Weise wird eine Entkoppelung von Zeit und Entfernung möglich: Die Breite der resultierenden Bilder ist vordefiniert, die Länge hingegen von der Dauer des Scanprozesses abhängig. Im Screening wird die Hautoberfläche der Modelle Zeile für Zeile eingelesen; auf diese Weise rekonfigurieren sich die abgetasteten Gesichter, Gliedmaßen und Hände, die in Leuchttischen zu Fragmenten eines Leihkörpers werden. Obwohl scheinbar persönliche Narben/glitches aufgenommen und in Schautafeln, die an jene der Biologie der Jahrhundertwende erinnern, arrangiert werden, treten uns keine erkennbaren Individuen entgegen. Dem Instrument haftet etwas alltagskulturelles wie überwachungstechnisches an; die Anwendung bei Miesgang produziert einen Effekt, der häufig in Zusammenhang mit kuriosen und magischen Praktiken gebracht wird. Hier findet das rhetorische Stilmittel des ‚Grotesken’ Einsatz: grottesco ist das italienische Wort für ‚verzerrt’ und meint bei Miesgang fantastisch beschaffene Ornamente sowie das Grauenerregende, das sich dem Kanon klassizistischer Ästhetik widersetzt. Wie bei Slitscan Photography überträgt sich das Groteske gleich einer visuellen Grenzverschiebungstrope auf den Körper. Deformationen, Verzerrungen und Verfremdung lassen an halluzinogene Trance als Verunsicherung eines bestimmten Subjektbegriffs denken. Schließlich verleiht das Scannen den Körperteilen etwas Gespenstiges und wir werden uns der unheimlichen Komponente des Sehens bewusst: Ist es ein rasches Scannen, Überfliegen, Querlesen, Abtasten – oder ein genaues Studieren?